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Verrückt nach der Mandoline

 Willy Brandt 1976 mit Mandoline beim Wanderurlaub Henning von Borstell/FES 

Willy Brandt 1976 mit Mandoline beim Wanderurlaub Henning von Borstell/FES

SUSANNE DÜBBER

Dass die Mandoline ein sozialdemokratisches Instrument ist, wäre übertrieben zu sagen. Dass sie „Instrument des Jahres 2023“ ist – das ist allerdings wahr. Wobei, während der Recherche stellte ich fest, dass sie das Instrument der deutschen Arbeiterbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts war. Ein sehr junges Mitglied des Arbeiter-Mandolinen-Klubs in Lübeck während der 20er-Jahren war der spätere SPD-Staatsmann Willy Brandt.

 

Handlich und einfach zu bedienen ist die Mandoline, das macht sie zum idealen Instrument für Kinder, Amateure und Wanderer. 1976, auf Wanderung durch Ostwestfalen-Lippe griff Willy Brandt viele Jahrzehnte später wieder zu ihr. Der Schnappschuss, den SPD-Mitarbeiter Henning von Borstell machte, ist heute eine Ikone. Zurzeit ist das Poster für 9,90 Euro im Online-Shop der Partei ausverkauft, es soll aber bald wieder verfügbar sein.

 

Ebensolche Begeisterung verdient das üppige Programm, das der Landesmusikrat zum Jahr der Mandoline zusammengestellt hat. Einer der Höhepunkte ist das Wochenende „Mandoline & global friends“ am 16. und 17. September in der Villa Elisabeth und Elisabethkirche, Invalidenstraße (Mitte). Bei den Workshops und Konzerten kommen all die anderen Zupfinstrumente wie die aus arabischem Raum nach Europa immigrierte Oud, die tatarische Domra und die türkische Baglama dazu.

Nur ein kleiner Ausschnitt: Am Sonnabend ab 15 Uhr treffen sich Zupforchester aus Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt zum Megakonzert. Das Abschlusskonzert am Sonntag ab 18 Uhr mit dem Mandolisten Avi Avital bereichern seine Freunde wie Akkordeonspieler Martynas Levickis (Litauen) und Oud-Spieler Haig Yazdjian (Syrien).

Wer nun neugierig auf die Welt der ursprünglich aus Italien im 17. Jahrhundert stammenden Zupfinstrumente ist, der begebe sich bis zum 27. August ins Musikinstrumentenmuseum in Tiergarten. Dort lässt sich in der Mini-Ausstellung neben zahlreichen bauchigen und schlankeren Mandolinen an zwei öffentlich zugänglichen Instrumenten mit eigenen Händen (und Ohren) ausprobieren, was die Saiten hergeben. Zu bespielen ist da auch die Gibson-Mandoline aus Aluminium. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entwickelt und mit ihrem gitarrenähnlichen Klang typisch für den Sound der Country-Musik.

 

Ziel des Hypes um die Mandoline ist neben der Verbreitung von Begeisterung natürlich auch die Generierung von Nachwuchs. Denn, das ist die traurige Seite, das Instrument wird selten gespielt. Gab es um 1900 in Berlin noch 50 Zupforchester, in den 1990ern zwölf, sind heute nur noch fünf übrig.

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Veröffentlichung

Di, 15. August 2023

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